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Simon Mayrl

Was kann eine pinke Eule über Inklusion erzählen?

Die Eule ist pink. Zumindest für die Menschen, die sie sehen können.

Doch was bedeutet diese Farbe für Menschen, die Farben anders wahrnehmen oder gar nicht sehen können?

Die Ausstellung „Die Eule ist pink“ im Museum der Kulturen Basel  zeigt, wie inklusive Ausstellungsgestaltung und barrierefreie Museumsvermittlung bereits in der Konzeptphase mitgedacht werden können. Jo Meier vom Bereich Bildung und Vermittlung des Museum der Kulturen Basel hat mit uns über das Projekt gesprochen, über die Herausforderungen berichtet und ihre wichtigsten Learnings geteilt. 

Jo Meier vom Museum der Kulturen Basel ©Omar Lemke

Was können Museen daraus lernen? Wie entsteht eine Audiodeskription, die über reine Objektbeschreibungen hinausgeht? Und warum profitieren am Ende nicht nur blinde und sehbehinderte Menschen von solchen Angeboten? Im Gespräch mit Jo Meier wird deutlich, dass Inklusion nicht erst bei der Vermittlung beginnt, sondern bereits bei der Konzeption einer Ausstellung.

Zurück zur Ausgangsfrage: Wie beschreibt man eine Farbe für Menschen, die sie nicht sehen können?

Diese Frage stand unausgesprochen im Raum, als das Museum der Kulturen Basel die Ausstellung „Die Eule ist pink“ entwickelte. Eine Ausstellung über Farben, Wahrnehmung und die Frage, wie unterschiedlich Menschen die Welt erleben.

Schnell wurde klar: Wenn die Ausstellung verschiedene Wahrnehmungsperspektiven ernst nehmen will, dann reicht es nicht aus, Barrierefreiheit am Ende des Projekts zu ergänzen. Sie muss von Anfang an Teil des Prozesses sein.

Wer tiefer einsteigen möchte, kann das vollständige Interview mit Jo Meier auch anhören. Wir haben die Fragen und Antworten zusätzlich als Audiotour im Wonnder Player aufbereitet. Dadurch wird der Artikel selbst um eine auditive Ebene erweitert.

[Das vollständige Interview mit Jo Meier können Sie auch als Audiotour im Wonnder Player anhören.]

Farben erzählen Geschichten ©Omar Lemke

Inklusion beginnt lange vor dem Audioguide

Das Museum der Kulturen Basel arbeitete deshalb mit sogenannten Resonanzgruppen. Neben Kindern im Primarschulalter begleiteten auch blinde, sehbehinderte, gehörlose und hörbeeinträchtigte Personen die Entwicklung der Ausstellung. Die Resonanzgruppe Inklusion wurde dabei von der Inklusionsexpertin und Museumsfachfrau Sara Stocker von Inkluseum organisiert.

„Im Austausch mit diesen Personen wurde klar, dass es eine Audiodeskription braucht“, erklärt Jo Meier.

Viele der ausgestellten Objekte erschließen sich nicht von selbst, wenn man sie nicht sehen kann. Gleichzeitig ermöglicht ein Audioguide einen selbstständigen Zugang zur Ausstellung – ohne Begleitperson und im eigenen Tempo.

Doch die Resonanzgruppen lieferten weit mehr als Hinweise zur Zugänglichkeit. Sie brachten Perspektiven ein, die die Ausstellung insgesamt bereicherten.

Wie macht man ein Objekt hörbar?

Für die Entwicklung des Audioguides arbeitete das Museum eng mit Noah Mundinger zusammen, einer Fachperson für Audiodeskription und selbst sehbehindert.

Gemeinsam entstand kein klassischer Audioguide, der lediglich beschreibt, was zu sehen ist.

Stattdessen wurde versucht, Objekte möglichst ganzheitlich erfahrbar zu machen.

Zur Vorbereitung besuchten die Beteiligten sogar das Depot des Museums. Dort konnten Objekte ertastet werden, die später Teil der Ausstellung wurden.

Wie fühlt sich ein Objekt an? Ist seine Oberfläche rau oder glatt? Wie schwer ist es? Welche Größe hat es? Welche Atmosphäre umgibt es?

All diese Informationen fanden Eingang in den Audioguide.

„Noah spricht oft von sehbehindertem Wissen“, erzählt Jo Meier. „Dabei geht es nicht nur darum, Objekte zu beschreiben, sondern auch darum, Lichtverhältnisse, Orientierung, Materialität oder räumliche Situationen mitzudenken.“ 

So entstand nicht nur eine klassische Audiodeskription, sondern ein inklusiver Audioguide, der unterschiedliche Wahrnehmungsformen berücksichtigt.

Wenn Worte nicht ausreichen

Dabei zeigte sich auch, wie anspruchsvoll Audiodeskription sein kann.

Manche Objekte ließen sich nur schwer beschreiben. Nicht weil sie besonders komplex waren, sondern weil Informationen fehlten.

Ein Beispiel ist ein besticktes Gewand aus Guinea. Die Formen und Muster sind sichtbar, ihre Bedeutung jedoch kaum dokumentiert. Dadurch wird nicht nur die Beschreibung schwierig, sondern auch die Interpretation.

Jo Meier erzählt: “Immer wieder stellte sich die Frage: Was beschreiben wir? Und was lassen wir weg?”

Denn jede Beschreibung ist eine Auswahl. Sie ist niemals vollständig und niemals vollkommen objektiv.

Auch das wurde bewusst Teil des Audioguides.

Wer profitiert von Audiodeskription?

Obwohl der Audioguide speziell für blinde und sehbehinderte Besucher:innen entwickelt wurde, versteht das Museum ihn nicht als Sonderangebot.

Im Gegenteil. Die Beschreibungen, Hintergrundinformationen und Gespräche eröffnen auch sehenden Besucher:innen neue Zugänge zu den Objekten.

Der Audioguide folgt einem narrativen Faden und hat stellenweise fast Podcast-Charakter. Dadurch funktioniert er sogar außerhalb der Ausstellung.

„Man könnte ihn auch zu Hause hören“, sagt Jo Meier. Besonders spannend ist dabei die Erkenntnis, dass Audiodeskription nicht nur Informationen ergänzt, sondern Wahrnehmung verändert.

Jo Meier beschreibt es so: „Audiodeskriptionen haben mir persönlich geholfen, Objekte genauer kennenzulernen. Ich habe gemerkt, dass ich eine sehr ungenau sehende Person bin. Oft schaue ich etwas nur kurz an. Wenn man aber beschreiben muss, entdeckt man plötzlich Details, die man sonst übersehen hätte.“

Digitale Werkzeuge für mehr Teilhabe

Damit ein solcher Audioguide möglichst vielen Menschen zugänglich wird, spielt auch die technische Umsetzung eine wichtige Rolle.

Hierbei entschied sich das Museum für Kulturen Basel für Wonnder.

Ein wichtiger Grund war die niedrige Einstiegshürde. Besucher:innen können den Audioguide direkt auf ihrem eigenen Smartphone nutzen. Die browserbasierte Lösung ermöglicht eine digitale Vermittlung im Museum, die ohne App-Download funktioniert und unterschiedliche Zugangsbedürfnisse berücksichtigt.

Gerade bei inklusiven Angeboten spielt diese Einfachheit eine wichtige Rolle. Viele Menschen nutzen auf ihren Geräten bereits individuelle Einstellungen oder Screenreader und bewegen sich dadurch in einer vertrauten Umgebung.

Gleichzeitig betont Jo Meier, dass digitale Angebote persönliche Vermittlung nicht ersetzen.

Sie können jedoch wichtige zusätzliche Zugänge schaffen – vor, während und nach dem Museumsbesuch.

Ein Baum voller Perspektiven ©Omar Lemke

Die Erkenntnis: Barrierefreiheit von Anfang an denken

Für viele Museen stellt sich heute die Frage, wie Barrierefreiheit im Museum praktisch umgesetzt werden kann. Die wichtigste Erkenntnis aus dem Projekt ist vielleicht eine überraschend einfache:

Barrierefreiheit sollte nicht erst am Ende eines Projekts ergänzt werden. Jo Meier empfiehlt Museen deshalb, möglichst früh mit Menschen zusammenzuarbeiten, die selbst Erfahrung mit Audiodeskription oder Sinnesbeeinträchtigungen haben. Viele Fragen zu Orientierung, Lichtverhältnissen, Haptik oder Objektzugänglichkeit werden dadurch bereits in der Planungsphase sichtbar und müssen nicht nachträglich gelöst werden.

Wer inklusive Vermittlung schaffen möchte, sollte Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven möglichst früh einbeziehen. Nicht als Testpublikum kurz vor der Eröffnung, sondern als Teil des Entwicklungsprozesses. Audiodeskription schafft nicht nur Zugänge für blinde Menschen. Sie stärkt insgesamt die kulturelle Teilhabe und eröffnet neue Perspektiven für alle Besucher:innen.

Denn Inklusion entsteht nicht durch eine einzelne technische Lösung.

Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Erfahrungen ernst genommen werden.

Und manchmal beginnt dieser Perspektivwechsel mit einer pinken Eule.

Inklusion als Teil der Ausstellung ©Omar Lemke